Corona hat mit einem angenommenen R0 von 2,5 eben das Potenzial einer Pandemie. R0 ist relevant bei einer nicht-vorimmunisierten Bevölkerung, was wegen der steil ansteigenden exponentiellen Wachstumskurven zunächst naheliegt.
Die Corona-Erkrankungsfolgen sind zwar nur bei einem geringen Prozentsatz schlimm, dort aber wirklich verheerend. Von daher ist eine andere Reaktion auf Corona als auf Influenza absolut angezeigt, auch wenn in einem schlechten Jahr durchaus auch sehr viele Menschen an Influenza sterben. Der Unterschied ist "Pandemie oder nicht".
Was ich allerdings wünschen würde, wäre eine bessere öffentliche Information. Frau Merkel hat das in einer Pressekonferenz mal eher anekdotisch erklärt, was meines Erachtens in ein Dashboard gehört. Sie sagte, nehmen wir diese oder jene Maßnahme zurück und landen wieder bei R=1,2 - sie erläuterte das dann noch sehr anschaulich, "wenn also vier Menschen jeweils einen weiteren anstecken und der fünfte zwei ansteckt" - dann, so sagte sie, sind wir Ende Juni bei einer Überlastung des Gesundheitssystems. Den Rest denkt man sich: man soll vertrauen, ist sowieso alles alternativlos.
Merkels Vortrag ist auch in sich konsistent: Nehmen wir mal vier Tage für eine Ansteckungs-"Generation", dann sind das in 60 Tagen 15 Generationen, wir haben heute etwa 2000 Menschen an Beatmungsmaschinen, dann hätten wir in 60 Tagen also 2000*1,2^15 = 30.000 Patienten an Beatmungsmaschinen (die Inkubationszeit mal ignoriert, die ist nur Zeitverschiebung). Da leuchtet ein, dass ein R=1,2 nicht akzeptabel ist.
Aber: wenn die Auslastung der Intensivstationen oder Beatmungsgeräte die Regelgröße ist und R die Stellgröße (über die Maßnahmen), dann fehlt mir ein Dashboard mit der aktuellen Besetzungsquote der Beatmungsmaschinen und einem irgendwie sinnvoll abgeschätzten aktuellen R, am besten im Zusammenhang mit den Maßnahmen. Das ist übrigens genau das, was im "Hammer/Dance"-Paper am Ende verlangt wird.
Natürlich ist das schwierig, aber es gibt ja Leute, die machen das beruflich...